Yin & Yang – So geht Qi Gong 氣功 (1)

Erste Vorbemerkung

TEIL 1
Allen KursteilnehmerInnen möchte ich – als Ergänzung zu meinen mündlichen Anleitungen und Erläuterungen – mit diesem Text grundlegende Informationen und eigene Erfahrungen vermitteln, die hoffentlich die eigene Qi-Gong-Praxis bereichern bzw. den Zugang zu dem, was QiGong ausmacht, erleichtern.

Mir ist bewusst, dass im folgenden Text die wenigen Grundprinzipien der Qi-Gong-Praxis immer wieder von verschiedenen Seiten erläutert werden, aber ich habe mich der Gefahr der Eintönigkeit der Wiederholungen trotzdem ausgesetzt. Ich folge da dem großen LaoZi, der im 35. Kapitel schreibt: „Die Worte, die das Dao spricht, sind fade und ohne Geschmack. Du schaust und erblickst es nicht, du horchst und hörst es nicht, in seiner Verwendung jedoch kannst du zu keinem Ende kommen“.

Mit Worten die Qi-Gong-Praxis zu erläutern, ist eigentlich ein unmögliches Unterfangen, erst mit der praktischen Übung stellen wir fest, dass gehörte Worte im besten Falle nur ein Wegweiser für die eigene Praxis sind. Deshalb sind die folgenden Erläuterungen nur als Ergänzung zu den praktischen Übungen in den Qi-Gong-Kursterminen zu verstehen.

Meine Empfehlung: Den Text in Abschnitten lesen und vor und/oder nach jedem Abschnitt (zwanzig Minuten) lang eine ausgewählte Qi-Gong-Übung praktizieren.

Mit der richtigen Musik fällt das Lesen leichter

 

Zweite Vorbemerkung

Eine Jahrhunderte alte Linie von Lehrerinnen und Lehrern hat uns mit den übermittelten QiGong-Formen und deren philosophischen Hintergründen einen Erfahrungsschatz hinterlassen, der letztlich nur durch eigenes Üben – also durch die eigenen Erfahrungen – und im Austausch mit Mitübenden und Lehrern gehoben werden kann. Die Beschäftigung mit den philosophischen Hintergründen ist dabei hilfreich, allerdings nicht zwingend notwendig, um die Wirkkraft des QiGongs für sich nutzbar zu machen.

Meinen Lehrern Árpàd Romándy und Josef Weber-Bluhm bin ich allerdings sehr dankbar, mir Einblicke in die philosophischen Hintergründe verschafft zu haben. Viele Formulierungen habe ich aus Mitschriften der Vorträge von Àrpád Romándy entnommen. Für Interessierte habe ich einige Buchtitel, aus denen ich weitere Anregungen entnommen habe, im Anhang aufgelistet.

Begriffsklärung: QiGong 氣功

Das chinesische Schriftzeichen „QiGong“ beinhaltet zwei Teile. Der Begriff „Gong“ 功kann mit „beharrlich arbeiten mit etwas“ oder „kultivieren“ übersetzt werden. „Qi“ 氣 ist mit unserem Denk- und Sprachsystem nur schwer zu fassen. „Qi“ wird unter anderem auch mit Atem, Odem, Lebenskraft, Energie übersetzt. Der Begriff „QiGong“ kann also mit „Kultivieren der Lebenskraft“ übersetzt werden. Die Wurzeln dessen, was wir heute QiGong nennen, sind im Schamanismus (M. Eliade spricht von schamanistischen Ekstasetechniken), im Buddhismus, in den naturphilosophischen Schulen und ganz besonders im Daoismus zu finden. Erst im modernen China wurde der Begriff „QiGong“ geprägt.

Der daoistische Hintergrund des QiGong

Im alten China wurde vom „Kultivieren des Dao“ oder vom „Nähren des Lebens“ (YangSheng) gesprochen. Dies weist uns darauf hin, dass QiGong stark in der Tradition des daoistischen Denkens steht, in der das gesamte Universum (den Menschen eingeschlossen) als sich entfaltendes Qi verstanden wurde. Es geht darum, die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Mensch (wieder) herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten.

QiGong-Übungen nutzen also das (alte chinesische) Verständnis der Bewegungen und der Funktion des Qi, um das individuelle Leben in den Gesamtzusammenhang des kosmischen Ganzen zu bringen. Die schöpferisch wirkenden Prinzipien der Natur werden in den Übungen „nutzbar“ gemacht, um sich mit der Totalität des Lebens bis zu seinen tiefsten Quellen zu verbinden.

Durch diese Selbstkultivierung von Natur und Leben soll sich der Mensch bewusst als Teil des schöpferischen Potentials der Natur erfahren. Allerdings geschieht dies (nach Vorstellung der „alten“ Chinesen) nicht durch „Tun“ sondern durch „Lassen“. Aktives Planen und Handeln (Machen) stört die in der Natur schöpferischen Prinzipien. Wendung nach Innen (= Selbstkultivierung), also Rückkehr zum schöpferischen Quell, zum Ursprung (der Natur) erschließt uns – durch die Vertiefung des Bewusstseins – die Aktivitäten des Seins und führt zur Wiedererlangung der natürlichen Ordnung des Lebens in uns.

Die pulsierende Bewegung des regenerierenden, formgebenden Yin und des konsolidierenden, bewegenden Yang lernen wahrzunehmen und ihnen zu folgen, das ist Ziel der QiGong-Praxis. Das Leben muss nicht gelenkt und kontrolliert werden, es lebt und organisiert sich aus sich selbst (ziran). Die Aufforderung zum „Nicht-Tun“ bzw. „Lassen“ (wu) meint, sich von allen Determinierungen zu befreien (sie bedeuten Starrheit) und statt dessen die Rückkehr an den Ursprung des Lebens zu suchen – also weich, durchlässig und offen zu werden, so dass das Leben in uns sich von Grund auf erneuern kann.

Die Fähigkeit zur Selbstregulation wiederzufinden (zur Quelle des Lebens zurückkehren) ist nach altem chinesischen Denken die beste Voraussetzung für die Erhaltung der Gesundheit und des inneren Gleichgewichts, zu klarerer (Selbst)Wahrnehmung, klarerem Denken und besserem Umgang mit sich selbst.

Die langsamen Bewegungen, das ruhige Atmen, die Vereinigung von Atem und Geist und das Versenkungen bzw. das Eintreten in einen Zustand der Stille (also die Praxis des QiGong) schaffen den Zugang zu den eigenen, natürlichen – dem Leben innewohnenden – Potentialen (Basis von Gesundheit und Gleichgewicht).

Modern ausgedrückt:
Mit QiGong-Übungen (Kultivierung der inneren Ruhe) wird die Lebensenergie ohne äußere Hilfsmittel gepflegt, aktiviert, genährt und harmonisiert. Dies führt zur Steigerung der Vitalität, zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Durch die ganzheitliche Wirkweise (Aktivierung der Vitalenergie, Stärkung des Immun- und Nervensystems) wird die Bedeutung des QiGong in der Prävention sehr hoch eingeschätzt.
Krankheiten heilen – bevor sie auftreten.


Die acht-Brokate-Übung

 

QiGong und Gesundheit

QiGong ist ein bedeutender Bestandteil der Schatzkammer der TCM (= Traditionelle Chinesische Medizin). Andere wichtige Bausteine der TCM sind die Lehre von Yin und Yang, die Lehre der ZangFu (die Organlehre), die Meridian-Theorie, die Akupunktur, die Lehre der Pharmakologie, Moxa, Tuina (Heilmassage) und die Ernährungslehre.

Das Verständnis von Gesundheit und Krankheit ist in der TCM grundlegend anders als in der „westlichen“ Medizin. Disharmonien, Blockaden im Qi-Fluss aufgrund von äußeren oder inneren Einflüssen sind nach Auffassung der TCM Zeichen von Krankheit. QiGong-Übungen können helfen den verschiedenen krankmachenden Einflüssen zu widerstehen. Mit dem „Leer-werden“ und dem „in die Stille eintreten“ und „Absichtslos-werden“ in der QiGong-Praxis wird unter anderem erreicht, dass die in der Krankheit gebundene Aufmerksamkeit abgelöst und zur Gesundung eingesetzt werden kann.

Regelmäßiges Praktizieren von QiGong-Übungen kann – durch die ausgleichende und stabilisierende Wirkung – helfen herauszufinden, was unzufrieden und krank macht. QiGong kann auch verhindern helfen, aufgrund „falscher“ Entscheidungen und „schädigender“ Verhaltensweisen in disharmonische und krankmachende Zustände hineinzukommen oder kann helfen, sie zu überwinden.

Was soll beim Üben beachtet werden?

Jede Übung sollte mit dem Grundgedanken verbunden sein, sich selbst etwas Gutes zu tun, deshalb ist das „Nach-innen-lächeln“ eine der grundsätzlichsten Anweisungen. In unserer Wettbewerbs- bzw. Ellenbogengesellschaft ist es ungemein schwer, sich nicht bewertend, sondern aufmerksam und wohlwollend wahrzunehmen und (friedvolle) Stille zu genießen.

Während der QiGong-Übungen nehmen wir Kontakt mit uns selbst auf. Wir üben uns darin gleichmütig nach innen zu schauen und lernen dabei, uns in unserer Ganzheit freundlich anzunehmen. Unsere gesamte Wahrnehmungsfähigkeit (nach innen und außen) wird dadurch geschult. Dies fördert die Harmonie von Körperhaltung, -bewegung und Atmung. Beim Üben werden durch Körperhaltung, Vorstellungskraft (= Binden der Aufmerksamkeit) und die langsamen Bewegungen Impulse und Signale an unseren Organismus gegeben, die die Körperfunktionen (Muskel-, Atemtonus) und den Geist positiv beeinflussen (s.o.).

Jede Übertreibung, ob bei den Bewegungen bzw. der Körperhaltung, bei der Aufmerksamkeit, bei der Übungsdauer oder bei der Atemführung entspricht nicht der Geisteshaltung, mit der QiGong wirksam geübt werden sollte, und ist deshalb zu vermeiden. Es ist ganz wichtig, dass alle Übungen im richtigen, angemessenem Maß (ohne Kraft und Anstrengung) durchgeführt werden.

Immer wieder ist es notwendig, auf den Aspekt der „Natürlichkeit und Leichtigkeit“ der Bewegungen, des Atmens und der Aufmerksamkeitslenkung während des Übens zu achten. Bescheidenheit und Geduld verhindern dabei den inneren Zwang, das alltägliche Leistungs- und Erfolgsdenken auch beim QiGong-Üben beizubehalten, d.h. Maß und Mitte zu finden. (Wenn wir Reis auf zu heißer Flamme garen, brennt er an, wenn die Flamme nicht heiß genug ist, wird der Reis nicht gar.)

Durch die Schaffung einer angenehmen Übungsatmosphäre gelingt es leichter, sich nicht ablenken zu lassen von Geräuschen und anderen Störungen. Ein freier Blick auf Blumen, Bäume und ein natürliches Gewässer und frische Luft sind ideal, sollten uns aber nicht daran hindern, in der Wohnung z.B. in einem eigens gestalteten Bereich zu üben. Bequeme und angenehme Kleidung, warme Socken und warme Schuhe ohne Absätze (wegen des besseren Bodenkontaktes und damit der besseren Erdung) fördern das notwendige Wohlbefinden.

QiGong zur alltäglichen Übung machen! QiGong hat dann die besten Wirkungen, wenn sich das Praktizieren in das alltägliche Geschehen einfügt. Zentral dabei ist, dass mit Zuversicht, mit ganzem Herzen, geübt wird. Beständigkeit in der Übe-Praxis kann nicht durch „preußische Disziplin“ erreicht werden, sondern ergibt sich hoffentlich durch die Freude an der Bewegung und der Wirkkraft der Übungen.

Wenn zur gleichen Uhrzeit und am gleichen Ort geübt wird, kann das Üben in den alltäglichen Tagesablauf besser integriert werden und es wird sich ein positiv wirkender Tagesrhythmus ergeben. Es ist ratsamer, täglich kurz, aber regelmäßig, als selten und ausgedehnt zu üben. Dabei sollten der Ablauf und die Übungsform gleich sein.

Es ist auch vorteilhaft, in einer Gruppe zu üben. Dies führt zu regelmäßiger Übungspraxis und der Erfahrung von Gemeinschaft, Freundschaft und Vertrautheit, aber auch zur Unterstützung durch den Austausch von Erfahrungen und durch Korrekturen. Beim gemeinsamen Üben entwickelt sich im besten Falle auch ein starkes Qi-Feld. Die Gruppenerfahrung unterstützt auch das Vertrauen, zu einer eigenen Übungspraxis zu finden.

Vertrauen in die eigene Übungspraxis zu finden, anstatt sich selbst zu blockieren, aus Angst etwas falsch zu machen, weil die Übung noch nicht „von selbst läuft“, kann eigentlich nur durch Geduld mit sich selbst und im Entwickeln einer „Lust“ auf das Üben abgebaut werden.

Du Tor! Meinst Du ich blühe, um gesehen zu werden? Meiner und nicht der anderen wegen blühe ich, blüh` weil`s mir gefällt:
darin, dass ich blühe und bin, besteht meine Freude und Lust.

Schopenhauer

Weiter zu Teil 2…

Hier der PDF-Download zum Ausdrucken:
Hinweise für die QiGong-Praxis Frühjahr 2013 Endf PDF

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  1. was du mir sagst,das VERGESSE ich. was du mir zeigst,daran ERINNERE ich mich. was du mich tun lässt,das VERSTEHE ich konfuzius

  2. sorry zu viel Text ,macht müde ,deine Ansage „Mit Worten die Qi-Gong-Praxis zu erläutern,ist ein unmögliches Unterfangen….“trifft hier nicht zu lg w.b

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