Yin & Yang – Die Übungs-prinzipien des Qi Gong 氣功 (2)

Grundlegende Übungsprinzipien

TEIL 2

Obwohl es vielen Anfänger/innen anders erscheinen mag, sind die QiGong-Übungen im allgemeinen einfach und klar. Erst der Versuch vieler Anfänger/innen bei den ersten Schritten „perfekt“ zu sein, führt zur körperlichen Verspannung und dem Gefühl und der Angst des Versagens. Sicherlich ist es einfacher gesagt/geschrieben als getan, aber die Maximen lauten: Entspannung, Ruhe und Natürlichkeit! Im Einzelnen heißt dies, (1) sowohl physisch als auch psychisch den (oft selbstaufgebauten) Druck loszulassen, (2) sich darin zu üben, sich in einen immer tieferen Zustand von Ruhe und Stille zu versenken, (3) sich nicht zu bemühen, keinen Ehrgeiz zu haben, keine Ergebnisse herbeizuzwingen und sich der natürlichen Entwicklung des Qi zu überlassen, Bewegung und Ruhe in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Sich also nicht an Vorbildern (Lehrenden, Mitübenden) zu sehr zu orientieren und sich damit selbst unter Druck zu setzen.

Grundpfeiler aller Qi-Gong-Übungen sind die einander bedingenden und sich ergänzenden bzw. wesenhaft zusammengehörigen Gegensatzpaare

Öffnen – Schließen
Steigen – Sinken

Fülle – Leere
Yang – Yin

In jeder Übungsphase, bei jeder Atmung ist die Wahrnehmung der oben aufgeführten Polaritäten von Bedeutung. Allerdings wird sich erst mit fortschreitender Übungspraxis das Gespür für die Bedeutung dieser Polaritäten entwickeln. Trotzdem, es wäre bedauerlich, die Wahrnehmung für diese wichtigen Aspekte aller Bewegung auch in den Anfängen der QiGong-Praxis außer acht zu lassen.

Der Qi-Fluss in uns soll durch das QiGong-Üben wahrnehmbar, unterstützt und verstärkt werden. Dies lässt sich mit den Fragen, wo ist bei den Bewegungen das Öffnen, wo ist das Schließen (etc.) unterstützen. Manche Lehrer sprechen von Toren (Durchlässe), die beim Beachten der Gegensatzpaare durch Öffnen und Schließen aktiviert (den Energiefluss fördernd) werden können.

Die Vorbereitung

Jede QiGong-Übung wird vorbereitet und abgeschlossen. Es ist wichtig, dass wir das Eintreten in die Übung bewusst und aufmerksam praktizieren. Dabei hilft ein selbst entwickeltes und den heimischen Gegebenheiten und persönlichen Vorlieben angepasstes Ritual (Kerze bewusst anzünden u.ä.), um sich einzustimmen und Atmung, Geist und Körper durch ein „Innehalten in Aufmerksamkeit“ zu beruhigen. Ratsam ist, durch eine immer gleiche bestimmte Körperhaltung (z.B. aufrechter Stand, die Füße sind zusammengestellt und werden nach kurzem Innehalten schulterbreit geöffnet) den bewussten Eintritt in die Übungsphase einzuleiten, sich also selbst ein Ritual zu schaffen.

Zen-Musik zur Entspannung

Die Stille ist die Mutter der Bewegung – des Qi

Das wird helfen, immer einfacher in den notwendigen aufmerksamen Bewusstseinszustand einzutreten. Zur Vorbereitung gehören auch selbst ausgewählte Übungen, um die Gelenke zu öffnen und durchlässig zu machen bzw. Muskeln und Sehnen zu dehnen.

Der Abschluss

Ebenso wie die Übungsvorbereitung ist auch der Abschluss von Bedeutung (ohne Abschlussübung kann u.U. leicht Unbehagen bzw. Unwohlsein eintreten). Es gibt diverse Abschlussübungen. Wichtig ist, dass in der Abschlussübung die Atmung beruhigt, der Geist leer und der Körper entspannt wird. Empfehlenswerte Abschlussübungen sind z.B. die Bewegungen in Verbindung mit der Vorstellung „Öffnen und Schließen“ bzw. „Senken“. Bevor aus der Übung herausgetreten wird und wieder mit wacher Bewusstheit in den Alltag eingetreten wird: die Hände auf das untere Dantian legen (evtl. dort kreisen lassen) und die Aufmerksamkeit im Dantian versammeln. Die Selbstmassage-Techniken sind eine hervorragende Ergänzung und optimaler Abschluss für alle QiGong-Übungen. Versuchen Sie zu vermeiden, aufgrund äußerer Störungen die Übung abrupt abzubrechen (Telefon etc.), sondern schließen Sie die Übung immer in Ruhe (wieder mit einem vertrauten Ritual) ab.

Verbindung von Ruhe und Gelöstheit (Wohlspannung)

Um eine Verbindung von Ruhe und Gelöstheit zu erreichen, nehmen wir in den Übungen die geistige Alltags-Aktivität zurück und fördern damit Zuversicht und Gelassenheit. Dadurch wird die geistige Wachheit und Festigkeit mit innerer Ruhe und der in uns wohnenden Lebenskraft vereinigt. Allerdings braucht es zum Zurücknehmen der geistigen Alltagsaktivitäten (Grübeln, Wegträumen, Ablenkbarkeit) Bemühungen und stetiges Üben.

Ein angenehmer Gedanke kann die störenden 1000 Gedanken vertreiben

Auch hier ist es wichtig, das richtige Maß, also einen angemessenen Kraft- und Energieaufwand einzusetzen. Ruhe und Gelöstheit sind nicht gleichzusetzen mit Schlaffheit und Trägheit, Wachheit und Festigkeit sind nicht gleichzusetzen mit Steifheit und Starre. Das richtige Maß ist an sich nichts Statisches, sondern ein immerwährender Prozess des wachen, bewertungsfreien Wahrnehmens.

Vereinigung von Ruhe und Bewegung

Ein wichtiges Ziel der QiGong-Übungen ist, die Fähigkeit auszubilden, die geistigen Aktivitäten zurück zu nehmen und Bewegung, Atmung und geistige Aktivität mit einander harmonisch zu verbinden. Die Anweisungen, „Bewegung in der Ruhe“, und „Ruhe in der Bewegung“ deuten an, dass es eines Zustandes geistiger Klarheit und Wachheit bedarf, um Ausdehnung und Verdichtung in der Bewegung ausgewogen gestalten zu können. Gleichgewicht, Harmonie der Kräfteverteilung und Ausgewogenheit in der Übung (und im Alltag) bedürfen in einem Entwicklungsprozess permanenter, sanfter und aufmerksamer (von innen kommender) Haltungskorrekturen.

 

Die Bewegung folgt dem Atem, die Atmung folgt der Bewegung

Obere Leere bei unterer Fülle
Im oberen Bereich unseres Körpers (Kopf, Brust) sollte Offenheit und Leichtigkeit und im Bereich des Bauches, des Beckens und der Beine sollten Festigkeit und Stabilität wirken. Die obere Leere (das beinhaltet auch das Freisein von innerer Unruhe, sorgenvollen Gedanken etc.) wird am besten erreicht durch das Üben der unteren Fülle und Stabilität. Diese wird erreicht, indem der Geist möglichst leer wird und die Aufmerksamkeit in den Bereich des Unteren Dantian, in die Beine und Füße und in die Erde gerichtet wird. Die Grenzlinie zwischen oben und unten ist die Nabelhöhe. Das Gewahrwerden des Gegensatzpaares „Leere und Fülle“ ist im QiGong von großer Bedeutung und sollte bei allen Übungen stets beachtet werden, ohne die anderen oben beschriebenen Gegensatzpaare zu vernachlässigen.

Verbindung von Vorstellungskraft und Qi

Wo das Herz ist, sind die Gedanken;
Wo die Gedanken sind, ist das Qi;
Wo Qi ist, kommen Kraft und Stärke
Jiao Guorui

Durch Gedanken können sowohl unangenehme als auch angenehme Vorstellungen ausgelöst werden, was wiederum Einfluss auf viele physiologische, geistige und seelische Vorgänge in unserem Körper hat. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Vorstellungskraft von den „schlechten“ bzw. „störenden und ablenkenden“ Gedanken weg, sondern auf die jeweilige Übung zu richten, werden die Übungen ihres wesentlichen Kerns beraubt. Bilder von Landschaften, Seen, Bergen und Wolken können eine positive Wirkung haben, können aber auch von der Übung ablenken. Mit fortschreitender Übe-Praxis wird es immer einfacher, die geistige Aktivität zu beruhigen und damit die Funktionen unseres gesamten Organismus zu regulieren. Gradmesser ist das eigene Wohlbefinden während und nach der Übung.


Walking Meditation

Angemessene Übungspraxis

Die individuelle und sich ändernde Befindlichkeit, Gemütslage und Konstitution, die Beweglichkeit, die Koordinationsfähigkeit, die Aufnahmefähigkeit und die innere Einstellung zum QiGong sind ausschlaggebend für das „richtige“ Maß in der Übungspraxis. Nicht bis zum Überdruss oder bis zur Überanstrengung üben!

Körperhaltung und -bewegung, Atmung, Übungsdauer, Übungsformen müssen individuell angemessen sein. Wenn ohne Anstrengung, ohne Mühe, ohne Überlegung bzw. ohne besonders angestrengte Aufmerksamkeit, aber geschmeidig und gelöst und mit Selbstvertrauen und mit dem von innen kommenden Lächeln geübt werden kann, dann ist die Übungspraxis angemessen.

Je nach Gegebenheit können individuelle Übungsformen (Sitzen statt Stehen etc.) und Vereinfachungen gewählt werden, hierzu sind aber fachkundige Anleitungen hilfreich bzw. nötig. Wichtig ist, sich und seinen Fortschritten Zeit einzuräumen. Ungeduld und Ehrgeiz verlängern nicht nur die Zeit bis zum Übungserfolg, sondern machen einen Erfolg eher unmöglich. Im schlimmsten Fall können auch gesundheitliche Schädigungen bei langanhaltender falscher Übungspraxis auftreten.

Zusammenspiel von Üben und Nähren

Der Prozess des Übens verbraucht durch die Bewegungen und die nötige Konzentration auch Kraft und Qi, deshalb ist das Besinnen auf das Nähren und Stärken in der QiGong-Praxis von großer Bedeutung. Nach der Theorie der TCM nehmen wir aus der Nahrung und aus der Luft/Atmosphäre Qi auf. Durch die bewusste Atemführung und die entsprechende Vorstellungskraft (Aufnehmen, Sammeln des Qi) sollten wir den wichtigen nährenden Aspekt des QiGongs – also die Aufnahme von Qi aus der Umwelt – bewusst stärken. Besonders die stillen Qi-Gong-Übungen (nähren Yin) stehen für den nährenden Aspekt, während den bewegten Übungen (Stärken Yang) mehr der kräftigende Aspekt zugesprochen wird.

Fortschreiten ohne Eile und Erwartung

Hierzu eine Geschichte. Ein Schüler möchte vom Meister lernen. Voller Erwartung und Ungeduld fragt er den Meister, wie lange es wohl dauern wird, bis sich Lernerfolge einstellen. Der Meister antwortet: „Sieben Jahre“. Daraufhin fragt der Schüler: „Und wie lange brauche ich, wenn ich doppelt so viel und mit aller Kraft übe?“. Da antwortet der Meister: „Dann brauchst Du mindestens vierzehn Jahre“.

„Wer gelassen und frei von Wünschen ist,
erhält sich das wahre Qi.
Wer die geistigen Kräfte im Innern bewahrt,
den kann Krankheit nicht angreifen.“

Abhandlungen über das naturgemäße und wahrhaftige Leben im Altertum
Klassiker des gelben Kaisers

Weiter mit Teil 3…

Hier der PDF-Download zum Ausdrucken:
Hinweise für die QiGong-Praxis Frühjahr 2013 Endf PDF

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